Schlechte Futterverwerter

Es war Anfang letzter Woche. Berlin versank im Schnee, ich hatte mich unter ein verschneites Brandenburger Dach geflüchtet. In meiner Wohnung wurde die Gastherme rausgerissen und Brandenburg hatte die Anwesenheitspflicht in den Schulen aufgehoben. Da saßen wir nun. Die Eltern im Homeoffice, die Jungs beim Homeschooling, alle über ihre Laptops gebeugt. Nur der Jüngste musste durch den Schnee stapfen, denn die Grundschule macht kein Homeschooling. Als es Mittag wurde, kam die Mutter auf die verrückte Idee, das Schulessen in der Schule abzuholen. „Das haben wir ja schließlich bezahlt.“ Sie hätte auch sagen können „Ich habe keine Lust, zu kochen.“ Dann hätte ich wie jedes Mal Kartoffeln aus dem Keller geholt und irgendwas dazu gemacht. Aber so wurde der Caterer angerufen, der versicherte, dass das Essen an die Schule geliefert worden sei und man es sich abholen könne. Jetzt war ja eigentlich der Grund für das Zuhausebleiben der Kinder, dass sie sich nicht bei Blitzeis auf den Schulweg machen müssen. Aber für Eltern gilt das nicht, vor allem wenn es gilt, Essen vor dem Verderb zu retten. Also fahren wir, natürlich mit dem Auto, drei Kilometer um zwei Portionen Schulessen abzuholen. Es ist halb eins. Vor der Schule schippt der Hausmeister Schnee. Die Mensa ist geschlossen. „Ja“, sagt der Hausmeister, „Das Essen ist geliefert worden. Aber es sind ja keine Schüler da. Da haben wir das Essen in die Tonne geworfen.“ In die Schule gehen 900 Kinder. Auf dem Rückweg springe ich schnell in den großen Rewe-Markt, kaufe Bratwürste Orangen und Erbsen. Die Großen sagen, sie haben keinen Hunger. Nur als ich den Kleinen abhole, hat er Appetit. „Mama hat vergessen, für heute Essen zu bestellen.“

Zwei Tage später zurück in Berlin. Meine Wohnung ist eine Baustelle, aber so warm wie noch nie. Die neue Wärmepumpe funktioniert. Aber was nicht funktioniert ist die Verteilung von Lebensmitteln. Zumindest, soweit es der Markt regeln soll. Nicht nur das Essen für eine ganze Schule, sondern gleich 4000 Tonnen Kartoffeln sollen in Sachsen weggeworfen werden – weil es zu viele davon gibt und weil es billiger ist die Kartoffeln in die Biogas-Anlage zu werfen, als den Transport zu den Händlern zu zahlen. Und das zu Beginn der „Grünen Woche“, der jährlichen Marketing-Show für die Landwirtschaft in Berlin. Flugs passiert das, was in Berlin wirklich gut funktioniert: Leute für eine spontane Aktion für eine gute Sache mobilisieren. Die Aktion heißt 4000 Tonnen wird von der Berliner Morgenpost und einer Internet-Suchmaschine aus dem Wedding organisiert, die die Transportkosten übernimmt. Die Kartoffeln werden an Kitas, Tafeln, Obdachlosenheime und Nachbarschaftsläden geliefert. Jeder kriegt einen Sack. Da sind eine Tonne Kartoffeln drin. Alle können kommen und sich so viel holen, wie sie wollen. Berlin ist im Kartoffel-Fieber. Die Ankunft der Lastwagen aus Sachsen wird herbeigesehnt wie einst die Landung der Rosinen-Bomber bei der Luftbrücke nach dem Krieg. In zwei Stunden ist die erste Lieferung vergriffen. Die andern meckern, weil sie erst am Montag beliefert werden. Man könnte meinen, die Stadt hungert. Dabei gibt es überall Kartoffeln im Sonderangebot. Bei Penny werden sie für 46 Cent das Kilo verscherbelt. Und die türkischen Gemüsehändler bleiben auf ihrer Ware sitzen. Ganz zu schweigen von den Bio-Bauern in Brandenburg. 4000 Tonnen Kartoffeln ist ihre Jahresproduktion, die sie bisher zu einigermaßen vernünftigen Preisen nach Berlin verkaufen konnten, klagen sie auf der Demo „Wir haben es satt“, die sich immer parallel zur Fressorgie der „Grünen Woche“ für vernünftige, nachhaltige Landwirtschaft einsetzt. Gibt kein richtiges Leben im falschen? Eine Bloggerin in unserem Lokal-Blog schlägt eine Lösung vor, die alle glücklich machen könnte: „Wollen wir nicht einfach Wedding-Wodka aus den Kartoffeln brennen?

Um den Block 2026

Der Sturm ist vorbei. Oder besser: Er ist an Berlin vorbei gegangen. Zumindest der Schneesturm. Das Leben geht hier unbeeindruckt weiter und endlich scheint die Sonne über den vereisten Straßen. Zeit mal das neue Teleobjektiv auszuprobieren, das ich mir zu Weihnachten geschenkt habe. Gebraucht natürlich. Mal schauen, ob ich einem Wintertag im Wedding ein bisschen Farbe entlocken kann.

Ach ja, die schönste Farbe heute war Himmelblau.

Stellvertretende Gedanken

Gerade lese ich, dass die Abgeordneten der Nationalversammlung in Paris eine Gedenkminute für die Opfer des Brandes im Schweizer Crans-Montana abhalten. Und das Ritual kommt mir plötzlich so aus der der Zeit gefallen vor. Wollen wir das überhaupt noch, dass jemand in unserem Namen trauert, gedenkt, nachdenkt, Verantwortung übernimmt? Wollen wir nicht viel lieber unsere Gefühle direkt über alle Medien und ungefiltert in die Welt bringen? Wollen wir nicht lieber in allen Dingen mitreden, mitentscheiden und gefragt werden? Ist die Meinung der Einzelnen nicht klüger als die ihrer Vertreter? Und glaubt noch jemand an die „Würde“, die moralische Leitfunktion, die Berücksichtigung übergeordneter Interessen unserer Gemeinschaft, die bestimmte Institutionen wie das Parlament oder der Bundespräsident für sich beanspruchen? Oder an eine gemeinsame Idee? Im Studium hatte ich mal ein Seminar über den Schweizer Philosophen J.J. Rousseau. Der glaubte, dass es über dem gemeinsamen Einzelinteressen aller noch einen Willen der Gemeinschaft gibt. Da hieß es: „Die volonté générale ist ein Ideal, das die Selbstregierung einer Gesellschaft bestimmen soll, indem sie die Gesetzgebung auf den Erhalt und das Wohlergehen der Gesellschaft als politischer Körperschaft ausrichtet.“ Glaubt das noch jemand?

Ich für meinen Teil finde es sehr entlastend, Verantwortung abgeben und auf die Entscheidung meiner Vertreterinnen und Vertreter vertrauen zu können. Nicht nur weil ich mich nicht mit der langen Liste der Entscheidungen beschäftigen möchte, die bei jeder Sitzung des Bundestages auf der Tagesordnung stehen. Nicht nur, weil ich zu vielen Themen schlicht keine Meinung habe, nicht nur, weil ich in Beruf und Familie genug Entscheidungen treffen muss, sondern auch weil ich bisher den Eindruck hatte, dass Menschen, die für die Gemeinschaft eine Aufgabe übernehmen, das bisher im Großen und Ganzen gut gemacht haben. Ernsthaft! Und das Schöne ist, dass sie, wenn was nicht klappt, auch wenn sie nicht daran schuld sind, als Sündenböcke herhalten können. In Berlin wird derzeit der Regierende Bürgermeister gegrillt, weil er lieber Tennis spielte als nach dem Anschlag auf die Stromleitungen bei den frierenden Bewohnern der Altenheime zu sein. Da merkt man, dass die Menschen an Vertreter eines öffentlichen Amtes durchaus noch mehr Ansprüche haben als ein halbwegs funktionierendes Krisenmanagement.

Leider wurde mein Vertrauen in meine Vertreter ausgerechnet in einer Kirche erschüttert. Die katholische Kirche ist ja geradezu die Erfinderin der Idee des „Stellvertreters auf Erden“. Und sie hat das Vertrauen gründlich missbraucht. Aber diesmal war es die evangelische Johanneskirche in Saalfeld in Thüringen, die ich mit einem Freund im Sommer besuchte (ja, wir haben uns im Osten nicht nur Plattenbauten angeschaut). Der engagierte Küster gab uns eine kostenlose Kunstführung durch die wunderschön restaurierte Kirche. Und wir kamen natürlich auf die Geschichte und von der Geschichte zur politischen Gegenwart. Und da ist die AfD nach der Landtagswahl 2024 in Thüringen stärkste Partei. Und der freundliche Kirchenmann wurde plötzlich zynisch. „Glauben sie nicht, dass das nur unser Problem ist. Das wird ihnen in Berlin genau so passieren.“ Von einem Kirchenmann erwarte ich Gottes Segen auf all meinen Wegen. Aber das klang wie ein Fluch, den er uns mit auf den Heimweg geben wollte, wohl auch um die Schuld seiner Schäfchen zu vermindern.

Aber wie ist es, wenn in Berlin, sowohl im Land 2026 als auch später im Bundestag die AfD die Oberhand gewinnt? Sind dann noch gemeinsame Gedenkstunden denkbar? Oder werden auch zu diesen Anlässen Spaltung, Hass und Häme den Ton bestimmen? Spätestens dann werden wir wissen, wie wichtig diese abgenutzten Rituale unserer Gemeinschaft für uns sind.

Energiewende

Eigentlich sollte es heute losgehen. Nach einem langen Hin- und Her mit dem Vermieter, sollte heute die Wärmepumpe kommen. Die Leitungen waren schon im Herbst im Hinterhof vergraben worden. Aber obwohl es in unserem Haus nur acht Mietparteien gibt, hatte jeder im Laufe der Jahre seinen Kohleofen rausgeschmissen und seine eigene Heizung eingebaut und deshalb hatte jeder mehr oder weniger Interesse an einer neuen Energieversorgung – Klimawandel hin oder her. Deswegen hat es sich gezogen und deswegen wird bei uns jetzt mitten im Winter die Heizung ausgetauscht. Eigentlich.

Als ich heute Morgen aus dem Fenster in den verschneiten Hof schaue, liegen da immer noch die offenen Rohre. Und als ich um halb elf mir eine Kaffee in der Bäckerei um die Ecke hole, sitzen da acht Klempner in Blaumännern. Ich spreche sie an, wann es denn losginge. „Wenn die Pumpe endlich geliefert wird.“ kommt es gut gelaunt zurück. Eine Stunde später stehen zwei von ihnen im Garten, ein Älterer und ein Jüngerer und bauen aus Langeweile einen Schneemann. Dann klingelt es und ein Elektriker mit Bommelmütze und einem lustigen Akzent teilt mir mit, das morgen den ganzen Tag der Strom abgeklemmt wird. Wollte uns der Vermieter nicht einen detaillierten Ablaufplan schicken? Und als ich abends in den Hof gehe, steht da ein grauer Klotz, so groß wie ein Kleiderschrank. Hab gar nicht gehört, wie sie den über die Kellertreppe gewuchtet haben. Ich kriege da nur mit Mühe mein Fahrrad hoch. Aber acht starke Männer….

So sieht also unsere Zukunft aus. Immerhin – sie haben es hingekriegt. Das macht mir Hoffnung. Denn nächste Woche ist meine Wohnung dran. Dann fliegt die alte Gasheizung raus. Dann muss ich raus aus meiner Höhle, mitten im Winter. Davor graut es mir, auch wenn ich Unterschlupf bei der Mutter meiner Söhne bekomme. Die freuen sich schon, dass der Vater mal wieder da ist. Haben sie auf jeden Fall gesagt. Und wer weiß, vielleicht werden die Klempner ja sogar nach Plan fertig, vielleicht kommen sogar die Bauteile rechtzeitig und vielleicht funktioniert das Ding am Ende sogar.

Nebel der Verfluchten

Der Rhein verdampft. In den dichten Nebelschwaden die aus seinem trockenen Flussbett aufsteigen fliegen die Wassergeister, die Rheintöchter und Walküren in den kalten Rauhnächten unerkannt über Tal und Wiesen und schaffen Wirrnis und Wahnsinn unter den Menschen und ihren Gehilfen. Die Zeit versinkt, die Uhren laufen rückwärts und weh dem Reisenden, der sich ohne Schutz auf den Weg in den Osten nach Westfalen wagt. „Warum heißt das eigentlich Ostwestfalen? Das gibt doch keinen Sinn.“, weiß mir die wirkliche weise Rheintochter, die mir auf dem Weg nach Hamm beisteht. Ach Tochter, wenn doch dieses verfluchtes Land nur diese Wirrnis der Worte seit Generationen erdulden müsste. Sag mir lieber, wo der Zug geblieben ist, den wir in Hamm zu erhaschen geglaubt hatten. Hat ihn der Nebel verschluckt, haben böse Geister ihn von den Gleisen geraubt? Oder irrt er, voll mit verlorenen Seelen auf ewig durch ein dunkles Reich im Jenseits, fern aller Fahrpläne, gestrandet und dazu verdammt, niemals wieder in die Wirklichkeit zurück zu kehren? Welcher Verkehrsminister muss zur Buße seiner Frevel auf ewig im Steuerstand dieses verfluchten ICE stehen und welcher Bahnchef muss als Strafe für seine Hoffahrt in diesem Geisterzug auf immer die verstopfte Toilette putzen?

„Einen ICE um 14 Uhr 11 von Hamm nach Berlin hat es nie gegeben.“, höhnt der Mann mit der Schirmmütze hinter der Panzerglasscheibe der Bahnhofsinformation. Aber hier steht es doch, in meinem Telefon, will ich sagen, will ihm die Nachricht, die uns auf den falschen Weg geleitet hat vor sein amtliches Gesicht halten. „Ja“, hallt es aus der Amtsstube, „ein altes iPhone. Da werden die Züge seit Wochen eine Stunde früher angezeigt. Das ist bekannt.“

Damit wir es selber lesen können, hebt er uns sein Amtstelefon an die Scheibe. Natürlich, es ist meine Schuld. Warum weiß ich nicht, was der Amtsperson wohlbekannt ist? Warum habe ich ein altes Telefon und auch noch von der falschen Marke? Nicht böser Geister Willkür hat mich und meine Tochter vom rechten Weg abgebracht, sondern fehlende Wachsamkeit meinerseits. Tief beschämt nehmen wir eine Stunde später unsere Plätze in dem Zug ein, den die Bahn für uns bestimmt hat. Wie konnten wir uns so in die Irre führen lassen? Da kommt hinter Hannover die Durchsage: „Leider haben wir derzeit 15 Minuten Verspätung. Die Verspätung wird sich bis Berlin leider noch erhöhen. Grund dafür ist ein vorausfahrender Zug auf der Strecke.“ Da ist er! Der Geisterzug. Es gibt ihn doch. Und er wird immer auftauchen, wenn die Bahn eine Ausrede für ihre Verspätungen braucht. Also noch sehr, sehr lange. Bis in alle Ewigkeit. Ein Erlöser ist nicht in Sicht. Ich schaue durch das Zugfenster. Dunkelheit hat den Nebel verschluckt. Aber sehe ich nicht vor uns die schwachen roten Rücklichter eines vorausfahrenden Zuges? Und höre ich nicht leise das Wehgeschrei der Verdammten in seinen Abteilen? Nein, es ist der Schaffner in blutroter Livree, der uns Gummibärchen anbietet, um uns trotz Verspätung bei Laune zu halten. Sind wir wirklich im richtigen Zug? Und wird unsere Fahrt je enden?

Ein kleines Weihnachtswunder

Die Sonne strahlt, Straße ist leer. Vier Spuren, zwei raus, zwei rein. Aber kein Auto. Wie ausgestorben. Dabei ist hier sonst die Hölle los. Aber heute ist ja Weihnachten, erster Weihnachtsfeiertag, 10 Uhr 39. Auch kein Bus. Dabei hätte der vor einer Minute kommen sollen. Aber die Anzeige auf meinem Handy springt einfach weiter: 10:58 kommt der nächste. 11:04 fährt mein Zug nach Bonn am Berliner Hauptbahnhof ab . Meine Tochter wartet auf dem Bahnsteig, die ganze Familie heute Abend mit dem Weihnachtsessen. Keine Chance. Aber auch keine Verzweiflung. Es ist ein sonniger Tag und außerdem Weihnachten. Wird schon klappen. Ich stelle mich auf die Straße, gehe langsam rückwärts und halte den Daumen raus, so wie früher. Zwei Frauen am Zebrastreifen schauen mich verwundert an. „Rufen Sie doch einen Uber.“, raten sie mir und wünschen mir viel Glück. Und das hab ich dann auch. Ein schwarzer BMW fährt an mir vorbei, bremst hundert Meter hinter mir und haut den Rückwärtsgang rein. Die Tür geht auf. Ein junger Mann mit sauber gestutztem Vollbart und Kamelhaarmantel beugt sich vor. „Entschuldigung, ich hab nicht gleich verstanden, was sie wollen. Wo wollen sie denn hin?“ „Naturkundemuseum“ versuche ich es vorsichtig. Das ist die Haltestelle, an der eine Straßenbahn zum Hauptbahnhof fährt. „Ist nicht ganz mein Weg, aber steigen sie ein. Er stellt den Beifahrersitz zurück und ich zwänge mich mit meinen dicken Rollkoffer mit Geschenken in den Wagen. Alte Tramperregel: Unterhalte dich mit dem Fahrer. Muhamad heißt er, kommt aus dem Wedding und will heute noch zu Freunden nach München. Lange Tour, sage ich. „Ganz entspannt“, sagt er. Es dauert keine drei Minuten, dann kennt er auch mein eigentliches Ziel. Ohne zu fragen biegt er von der Hauptstrasse ab. „Hier sind weniger Ampeln, dann schaffen wir das noch. Er freut sich über die freie Fahrt auf der breiten Straße zwischen den Bayer-Werken und mein Rücken wird warm. „Sitzheizung?“ „Sitzheizung“, sagt er lässig mit Besitzerstolz. Die zwei Kilometer reichen noch, um uns über Autos, die Geschwindigkeit, mit der am Bahnhof neue Bürohochhäuser hochgezogen werden und die drohende Inflation zu unterhalten. Dann sind wir da. Routiniert parkt er auf der leeren Busspur vor dem Bahnhof. „Sie sind heute mein kleines Weihnachtswunder.“, bedanke ich mich bei ihm. Er lacht, ich wünsche ihm noch eine gute Reise. Als die Tür zu ist, klopfe ich zum Dank noch drei Mal auf das schwarz Dach. Ich hoffe, er kennt das Zeichen.

Das Beste zum Schluss

Eigentlich bin ich gar nicht in der Laune zu schreiben, möchte mich in meiner Höhle verkriechen und den lieben Gott einen guten Mann sein lassen (schön, wenn wenigstens das in Erfüllung ginge, denn dann würden einige Sachen, die ich im Radio höre, nicht geschehen sein.) Aber es gibt sie ja auch noch: Die guten Dinge, die einem Hoffnung machen. Dass dazu ausgerechnet ein Fackelzug durch den ehemaligen Mauerstreifen der Berliner Mauer gehört, hätte ich nicht gedacht, aber ich lasse mich ja gerne vom Leben überraschen. Und das kam so:

Die Mutter meiner Söhne sagte mir, natürlich auf den letzten Drücker, dass am Wochenende das alljährliche Lichterfest im Ort geben werde, und da könnte ich doch mit meinen Söhnen mitlaufen, dann kämen sie mal an die frische Luft und ich könnte „mal wieder etwas Familie erleben“. Schön. Eigentlich hatte ich an den vergangenen Wochenenden genug Familie erlebt, um mich an diesem Wochenende zu einem kultivierten Besäufnis mit einer guten Freundin zu verabreden. Aber wenn die Stimme des Blutes ruft, werfe ich mich natürlich in die S-Bahn und wage das Unmögliche: Eine Fahrt nach Brandenburg. Pünktlich um sechs sollte ich da sein, denn nur bis um viertel nach sechs würden am Waldrand die Fackeln ausgegeben, mit denen man dann den Weg durch den Wald finden könne. Klappte natürlich nicht. Busersatzverkehr auf der eigentlichen Linie und auf der Ausweichlinie hielt der Zug irgendwo, weil – ach was weiß denn ich. Auf jeden Fall war ich nach sechs an der Tür, was aber auch egal war, weil die pubertierenden Zwillinge gar keine Lust hatten, vor die Tür zu gehen. Aber der Jüngste wollte und auch die Mutter brauchte dringend etwas Abstand vom täglichen Kleinkrieg. Eine Fackel für den Kleinen fand sich noch vom letzen Jahr im Schuppen und los ging’s.

Nun ist ein Wald im Dunkeln immer unheimlich. Und wer denkt, dass man mit einer Fackel von einem Dreikäsehoch getragen eine Chance gegen die Dunkelheit in einem Brandenburger Wald hätte, der irrt sich. Und der Wald in den wir gingen war ja auch kein normaler Wald. Der holprige Weg zwischen den Kiefern, in den wir eintraten war der ehemalige Todesstreifen hinter der Berliner Mauer. Und das Ziel des Fackelspaziergangs war keine Waldhütte hinter den sieben Bergen sondern ein übriggebliebener Wachturm der DDR-Grenztruppen. Schon ziemlich spooky (liegen da noch Minen?) Zur Sicherheit waren entlang des Weges liebevoll kleine Teelichter in Papiertüten aufgestellt. Zum Glück ging’s nicht lange und am Turm angekommen war dort Weihnachtsmarktrummel wie überall. Zünftig blakten aus gespaltenen Holzstämmen die Schwedenfeuer in die Nacht, immerhin war der Veranstalter die „Schutzgemeinschaft Deutscher Wald“, statt Glühwein gab es „Glühgin“, weil es am Ort eine Ginmanufaktur gibt und das Zeug hatte es in sich. Und es schien, als würde man alles tun, um die Geschichte des Ortes, der jetzt ein Naturschutzzentrum ist, vergessen zu machen. Da setzten sich Männer mit Zipfelmützen und Posaunen unter den Zeltpavilion und die Mauer des Turms wurde blau. Ein Mann mit einem wetterfesten Rangerhut trat aufs Podium und kündigte an, dass wir jetzt Weihnachtslieder singen sollten. Die Texte wurden für alle an den Turm projeziert, damit auch die Überzahl der Menschen, die noch nie eine Kirche von innen gesehen haben, auch mitsingen konnten. Und mit dem Gin im Kopf schafften wir tapfer Stille Nacht und Oh du Fröhliche. Unserm Kleinen war unser Gesang peinlich. Dann war Stille und der Hutmann trat wieder auf und sagte, man dürfe ja nicht vergessen was das hier für ein Ort sei, und das an dieser Stelle der Berliner Mauer vier Menschen ums Leben gekommen seien. Und deshalb, und weil das nie wieder geschehen dürfe, würde man jetzt „Die Gedanken sind frei“ singen. Der Text, für die, die ihn nicht kennen, würde wieder an die Wand geworfen. Ich war beeindruckt: Das muss man sich mal trauen, gegen alle Weihnachts-Gemütlichkeit und alle Gin-Seligkeit an die Gefahren der Unfreiheit und die freiheitlichen Traditionen in Deutschland (das Lied stammt aus der Zeit vor der 1848er Revolution) zu erinnern. Hut ab, Hutmann! Die Schutzgemeinschaft deutscher Wald als Hüter demokratischer Traditionen – wer hätte das gedacht.

Auf dem Rückweg durch die Dunkelheit werden wir langsam wieder nüchtern. Zu Hause hocken die Jungs vor dem Fernseher, obwohl die Mutter das LAN-Kabel versteckt hatte (sie haben einfach das Kabel von ihrem Computer abgebaut und eingesteckt). „Eigentlich ist es schade, dass wir nicht noch einen Gin genommen haben.“, seufzt die Mutter, halb beseelt, halb ernüchtert. Schon war ich wieder draußen, ging alleine durch den dunklen Tann zurück zum Turm. „Ja“, sagt der Gin- Mann, „da sind sie nicht der Einzige, der sich das mit nach Hause holen will.“, und verkauft mir gleich eine Literflasche von dem Punsch.

Ich wünsche euch allen eine selige Weihnacht!

Nachtschatten

Wie ein Pinselstrich im Gemälde der nächtlichen Stadt. Vertuscht verschwommen. Nur einen Augenblick sichtbar, und doch Teil des Gewebes. Wie ein blitzender Faden auf dem Lichtteppich der Straßen. Teil des Bildes und doch nichts Bleibendes. Unbemerkt und doch da. Auf einer geraden Bahn auf den nassglänzenden Straßen, die dafür gemacht sind ihn zu tragen und doch verloren im Gewirr. Zielstrebig aber doch an jeder Ecke neu entscheidend. Zwangsläufig aber doch frei.

Not to touch the sky, not to touch the sun. Nothing left to do but run run run…

In der riesigen Kulisse spielt er keine Rolle, aber ohne ihn wäre es ein anderes Stück. Das Theater ist da für ihn und alle andern. Es gibt keinen Dirigenten, aber jeder ist ein Ton in der Großstadtsymphonie. Jede Sekunde eine Uraufführung. Jeder ist ein Solist und der Star des Abends, solange er dabei ist.

Gute-Laune-Nudeln

Ich komme von der Arbeit und habe Glück: Vor dem angesagten „Mr. Noodle Chen“-Restaurant steht ausnahmsweise mal keine Schlange. Schon ein Mal hatte ich mit meiner Tochter versucht, hier rein zu kommen, denn der Laden erinnert sie an die Nudel-Bars in Hongkong, wo sie zum Studium war. Aber wir haben nach einer Viertelstunde in der Schlange enttäuscht aufgegeben. Es ging einfach nicht vorwärts und wir gingen ins DUKKI um die Ecke. Koreanisch und auch sehr lecker. 
Heute steht nur ein junger Mann vor der Tür und ich frage ihn, ob er die Schlange ist. Er findet das nicht witzig, denn anscheinend wartetet schon eine Weile darauf, hinein gelassen zu werden, während an uns vorbei Essenslieferanten mit ihren riesigen Thermo-Taschen ein und aus gehen. Durch die Glastür sehen wir wie der Mann an der Kasse, der hier alles kontrolliert dann endlich auch dem arabische Grüppchen vor uns seine riesige Take-Away-Bestellung in die Hand gedrückt hat – dann dürfen wir beide rein. Alles ist hell und übersichtlich. Keine goldenen Drachen oder anderer China-Kitsch. Auch die Speisekarte ist sehr klar: Nudelsuppe mit oder ohne Fleisch. Nur bei den vielen Nudelsorten brauche ich Entscheidungshilfe. Der Mann an der Kasse ist auch dafür da. Ich entscheide mich für die dreieckigen Nudeln, die vor meinen Augen frisch gemacht werden. Hab ich noch nie gegessen. Als ich mich setze, sehe ich um mich rum fast nur junge Chinesen. Das Studentenwohnheim ist um die Ecke und das Restaurant ist wohl der Platz, an dem man sich abends trifft. Zu mir setzen sich, ohne groß zu fragen drei junge Kerle, die sich  fröhlich auf Chinesisch Zoten erzählen und ständig lachen. Sie stellen ihre riesigen Trinkflaschen auf den Tisch. Sein Getränk darf man hier wohl mitbringen. Durch sie lerne ich auch, wo man das Besteck findet: In einer Schublade unter dem Tisch. Wie früher bei uns zu Hause. Der größte und munterste von ihnen hat das kleinste und billigste Gericht bestellt. Aber ständig ruft er die Bedienung und sie bringt ihm mit ausdruckslosem Gesicht  immer neue Schalen mit frisch gemachten Bandnudeln. „Are they for free?“, frage ich. „Yes, for free. Order some.“, läd er mich auf beiden Backen kauend ein. Ich lehne dankend ab. Meine Schale mit der dicken Brühe war mehr als genug. Und ich habe aufgetankt zwischen all den jungen Kerlen (sind nur wenige Frauen da, die heimlich angeschmachtet werden.) Die gute Laune der Burschen, die sich hier für kleines Geld satt essen können, war ansteckend.

Entwertet

Es ist Herbst, die Zeit, in der das Leben sich verabschiedet und wir uns vorbereiten auf die karge Zeit, die vor uns liegt. Und während der Landmann die Früchte des Jahres in die Scheuer fährt und mit eisernem Pflug den Acker umbricht, schwinge ich mich auf mein Moped und fahre mit den letzten Sonnenstrahlen zum letzen Postamt in unserem Viertel. Auch wenn das Erntedankfest schon lange Vergangenheit ist, hoffe ich eine Ernte einzufahren, die Ernte fast 10 Jahren eifrigen Sparens und auch ich will mich verabschieden: Von meinem Postsparbuch, das mich begleitet, seit ich 16 wurde. Es ist kein leichter Abschied. Und er ist nicht freiwillig.
Ein Sparbuch bei der Post, das war in den späten 1970er-Jahren ein Ticket in die Freiheit. Ohne ein Konto zu eröffnen, was die Unterschrift der Eltern verlangt hätte, konnte ich mein Geld einzahlen, das ich in der Fabrik, mit Zeitungsaustragen und Nachhilfestunden verdient hatte und konnte bei jedem Postamt in ganz (West-)Europa Geld abheben. Kostenlos. Keine Eurochecks, keine American Express Travelerschecks, keine Kreditkarte. Und es klappte wirklich überall. Im Dorfpostamt im County Galway und im prächtigen marmornen Postpalast von Bologna (oder war es Perugia?) In Schottland und in Alicante. Später sogar in Hoyerswerda und im Hauptpostamt Leipzig, von wo ich Telegramme in den Westen schickte. Aber da war die Welt schon eine andere.

Ich bin der Post immer treu geblieben, auch als es dann EC-Karten und Geldautomaten gab. Die Post sich selber leider nicht. Es war das erste Mal in Manchester, in den späten 1980ern, als ich einem Brief in einen Schreibwarenladen aufgeben musste, der nachlässig ein Pappschild „Post Office“ ins Schaufenster gelegt hatte. Die Royal Mail hatte den Service „privatized“. Mein Weltbild war endgültig erschüttert, als ich sah, dass man auch Telefone dort einfach so kaufen konnte. Wozu fragte ich mich? Wer einen Telefonanschluss bei der Bundespost beantragte, der bekam das Telefon -grau und stabil – doch gleich mit dazu. Andere Telefone, bunt und mit Tasten und ohne Prüfung und Zulassungssiegel der Deutschen Bundespost: Das konnte doch nichts taugen. Wie für W. I. Lenin war für mich die Deutsche Post das Maß aller Dinge.

Die Frau hinter dem Schalter ist weißhaarig. Ihr müder Kollege am Schalter daneben und die kleine Frau, die im Lagerraum ein Paket wegträgt auch. Es sind wohl die letzten Postbeamten des Wedding. Und auch vor dem Schalter: alte Leute wie ich, wenn man mal von denen absieht, die Pakete nach Vietnam oder in die Türkei abgeben wollen. Gibt es eigentlich den „Postrentendienst“ noch, mit dem früher pünktlich zum Monatsersten alle Rentnerinnen und Rentner ihr Ruhegeld am Schalter bekamen? Was es auf jeden Fall noch gibt, ist der behördliche Tonfall. Wie in den alten Zeiten werde ich erstmal angepflaumt: „Ihr Sparbuch auflösen? Da wären se mal besser vor 14 Uhr jekomm!“ Davon stand nichts in der Nachricht der Postbank, die mir mitgeteilt hatte, dass sie „…den Service Postsparbuch…“ in Kürze einstellen will. Aber weil das Berlin ist kommt nach der Schnauze das Herz, und die Frau hinter dem Schalter macht sich mit einem sarkastischen „Na, dann jeben se mal her.“ trotzdem an ihre traurige Pflicht. Sie tippt, lässt sich meinen Ausweis geben und ein Drucker fiept. Ein kleiner weißer Kasten, der noch so solide aussieht als sei er aus der BTX-Zeit der Bundespost, spuckt viele weiße Zettel aus, die die Postfrau akkurat mit viel Theater auf die grauen Seiten meines Sparbuchs klebt. „Was das alles für ein Abfall macht…“, seufzt sie. Es ist eine lange Prozedur und ich glaube, sie fühlt genau wie ich, dass wir beide hier etwas tun, was uns bald fehlen wird, dass wir ein sinnlos gewordenes Ritual aus längst vergangenen Zeiten ein letztes Mal gemeinsam zelebrieren. 2016 hatte ich noch einmal persönlich etwas eingezahlt. Seitdem lag das Buch in der Schublade. Von 2009 bis 2015 wurde die Postbank nach und nach von der Deutschen Bank übernommen. Was der Drucker ausspuckt ist ernüchternd: Bis 2017 gab es jedes Jahr noch ein paar Euro Zinsen und einen extra Bonus für treue Sparer. Zwischen 2018 und 2022 waren es noch 7 Cent Zinsen – pro Jahr – und Boni gab nur noch für die Manager der Deutschen Bank. „Das sind mehr als 0,01 %,. Da könn se sich nich beschweren.“, nimmt mir die erfahrene Kundenbetreuerin mir meine Enttäuschung aus dem Mund und haut noch einen drauf: „Is ja besser als nix.“ Langsam ahne ich, wer die Kosten der Bankencrashs von 2008 bezahlt hat.
Aber auch die paar Cent müssen natürlich genau verbucht werden. Da ist die Postfrau noch richtig amtlich. Die Seiten in meinem Sparbuch reichen nicht. Aus grauem Papier legt sie Extraseiten an und stempelt sie einzeln ab. Ganz zum Schluss schneidet sie die rechte untere Ecke ab und geht nach hinten. Ich höre den harten Knall eines eisernen Handstempels, wie man ihn nur in der Post hören kann, dann bekomme ich das Buch zurück.“Entwertet“ steht jetzt auf der letzten Seite. „Warten se noch ne Woche, bevor sie das Buch ihren Enkeln zum Spielen jeben.“, verabschiedet sie sich. „Dann sollte das Geld auf ihrem Konto sein.“, gibt sie mir auf den Weg und es klingt so, als würde sie es selbst nicht glauben. Es ist viel schief gelaufen bei der Deutschen Post, seit sie wiedervereinigt und privatisiert wurde und das sitzt der gestandenen Postbeamtin in jeder Falte ihrer dünn gewordenen Dienstbluse.

Auf dem Rückweg durch die lange Halle mit der gar nicht mehr so langen Schlange der Wartenden komme ich an einem Ständer mit Postkarten vorbei. 50 Prozent Nachlass gibt es bis zum Jahresende auf auf kitschige Hochzeits- und schwarz-weiße Trauerkarten. Vielleicht verabschiedet sich die Postbank nur von ihrem Papiergeschäft, das sie nebenbei in der Filiale betreibt. Vielleicht verabschiedet sie aber auch gleich von ihrer Filiale und Ihren letzten Beamten. Meine Pakete gebe ich schon seit Jahren beim Zeitschriftenladen an der Ecke ab. Der wird von einem indischen Pärchen betrieben. Der Laden ist gerade zu. Die beiden sind wohl krank geworden.