Die Tränen der Inder

„Wer will schon im Winter sein Fahrrad reparieren lassen?“, dache ich und dünkte mich schlau. Denn alles Volk hatte sich vor der Kälte unter die Erde verkrochen und fuhr in den dunklen Röhren seinem Ziel entgegen oder es spaltete den grauen Schneematsch auf den Straßen mit wuchtigem Gefährt. Leer wähnte ich die Werkstatt und schnell würden die flinken Hände des kundigen Meisters die müde Kette meines Rades von den Zahnrädern befreien, in die sie sich mit den Jahren eingefressen hatte. Bei fröhlichem Gespräch wäre das Werk schnell getan und frei und sanft würde mein Rad mit mir Richtung Frühling rollen. „Der Winter muss weichen, weil er weichen muss…“, sang ich mit Hannes Wader.

Vergessen hatte ich aber die dunklen Knechte, die mit klobigen Kapuzen auf dicken Rädern auf das Geheiß fremder Stimmen an den Rändern der breiten Avenuen ihr Tag- und vor allem ihr Nachtwerk verrichteten. Jene, die in täglicher Fron warmes Essen zu den Reichen unter den Hungrigen dieser Stadt bringen. Nicht mehr als Schatten waren sie bislang, die meine täglichen Wege lautlos begleiteten; unfassbar, unnahbar, unverständlich. Auch wenn das Schicksal uns zuweilen an einer roten Ampel zusammenführte, gab es keinen Blick, kein Lächeln, kein Zeichen gemeinsam erlittener Unbill in Wetter und Wind. Immer waren sie in einer anderen Sprache in einer andern Welt – verbunden über eine leuchtende Kiste mit einem Signal zu den Sternen.

Jetzt aber waren sie hier in der Werkstatt. „I will call you, not: You call me! Understand?“ brüllte der Fahrradmechaniker einen Mann mit rundem dunklen Gesicht an. Der hatte weiße iPods in den Ohren, eine graue Kapuze über dem Kopf und ein stoisches Buddha-Lächeln im Gesicht. Und er ging nicht weg. „Also gut, lenkte der Schrauber ein: „Wo steht es denn?“ Später sehe ich sie beide auf dem Gehweg, das schwere Lieferfahrrad im Schnee auf den Kopf gestellt. Sie diskutierten halb Deutsch, halb Englisch die Ursache für das Lahmen des Stahlrosses. Da hatte mir der Praktikant, in einer Hand einen Döner mampfend, schon den Reparaturzettel ausgestellt. „Montag, vielleicht schon Samstag. Wir rufen Sie an.“

Es wird Montag in der Mittagspause. Der Meister ist allein. Hektisch, aber mit genauen Griffen zirkelt er zwischen meinem aufgebockten Rad, einem Pappbecher mit Kaffee und einer Packung Tabak hin und her. Der Zweiradmechanikermeister, bei dem ich die Jahre davor war, hat mit 50 einen Herzinfarkt bekommen und den Laden an seinen Gesellen abgeben müssen. Mein neuer Meister ist Anfang Dreißig und hat das noch vor sich, wenn er so weiter macht. Er ist überall gleichzeitig. Als eine junge Frau mit ihrem Rad in den Laden kommt, weiß er sofort, wo es hakt, drückt mir gleichzeitig mein Rad für die Probefahrt in die Hand und dreht sich eine mit dem Tabak. Als ich zurückkomme sitzt er vor seinem Laden und raucht. Die Schaltung geht nicht ganz geschmeidig. Das lässt ihm keine Ruhe, und schon sind wir wieder in der Werkstatt. „Dauert nur einen Moment.“, sagt er und drückt auf die Kaffeemaschine – für mich. Mit dem Becher in der Hand kommen wir ins Reden. „Du machst viel für Wolt, oder?“ frage ich neugierig. „Nein, ich mach das für die Jungs. Die Fahrräder müssen sie selber leasen. 150 Euro im Monat. Aber die Firma hat in Berlin nur zwei Werkstätten und da müssen sie sich eine Woche vorher anmelden. Deshalb kommen sie zu mir.“ „Und das geht so einfach, bei geleasten Rädern?“ „Die Jungs kommen aus Pakistan oder Indien, die werden bei Wolt pro Lieferung bezahlt. Die haben Druck und nehmen keine Rücksicht auf das Material. Das sind gute Räder, aber auch die halten das nicht lange aus. Wenn ihr Rad kaputt ist, können sie nicht eine Woche warten. Sie kommen zu mir und weinen. Was soll ich machen?“ Ein stolzes Grinsen fährt über sein Gesicht: „Erst wollte der Hersteller mir verbieten, ihnen zu helfen. Aber ich habe mir dann die Teile besorgt, aus China. Inzwischen kann ich alles außer dem Steuergerät selber machen.“ Einen größeren Laden bräuchte er. Den hier teile er sich mit dem türkischen Schlüsseldienst. Und er sei sehr froh, dass sie ihn reingelassen haben. Alleine könne er die Miete für den Laden nicht stemmen. „Da müsste ich 150 Euro am Tag nur für die Miete verdienen.“ Dabei stehen im Wedding dutzende Läden in allen Größen leer. Von mir will er 20 Euro weniger als ich für die Reparatur im anderen Laden vor drei Jahren bezahlt habe. Dabei hat er zusätzlich noch alle Seilzüge ausgetauscht. „Hat ja keiner Geld heute“, murmelt er. Am Wochenende sei er übrigens selber auf Tour, erzählt er, noch in der Tür stehend, als ich mein Rad nach draußen schiebe: Für Lieferando. Es sei schwer, nach einer Woche in der Werkstatt Sonntags früh aus den Federn zu kommen. Aber da werde er nach Stunden bezahlt. 13 Euro irgendwas. Und er fahre die Touren mit dem Auto. Mit dem Fahrrad sei es zu anstrengend.

Wer diese Lieferung am Ende wohl bezahlt hat?

Die Welt wird kälter

Kälte I

Gerne lese ich ja die Beiträge von Robert Schlichting, der einem die Welt physikalisch erklärt. Und heute schaue ich vom Balkon auf den Hinterhof auf unsere frisch aufgestellte Wärmepumpe und es macht „Klick“. Wie eine Wärmepumpe funktioniert, hatte ich mir von einem Freund erklären lassen „Wie ein Kühlschrank, nur umgekehrt.“ Beim Kühlschrank wird es innen kalt und die Wärme, die aus dem Innenraum entzogen wird, wird in den Raum abgegeben. Also, dachte ich mir, ohne dass ich gewagt hätte meine Schlussfolgerung laut zu äußern, denn schließlich war ich in Physik nie eine Leuchte, müsste es ja bei der Wärmepumpe außenrum kalt werden, wenn die Wärme der Luft entzogen und in meine Heizung abgeleitet wird. Und heute sehe ich es: Der Schnee ist geschmolzen, nur da, wo die Ventilatoren der Wärmepumpe ihre abgekühlte Luft hinblasen, ist er liegen geblieben. Quod erat demonstrandum. Bedeutet das aber, dass, je mehr Wärmepumpen aufgestellt werden, je kälter die Welt wird? Am Ende frieren wir im Sommer, weil wir es im Winter schön warm haben wollten? Irgend etwas stimmt da nicht.

Kälte II

Beim Frühstück sitze ich mit meinem Jüngsten. Über dem Tisch hängt seit vielen Jahren ein Bild, das ich mal während meiner Therapie gemalt habe. Weil die Therapie gut war, fühlte ich im Kunstatelier Großes in mir aufkommen, wie Lyonel Feininger wollte ich malen – durchscheinend und kalt. „Nee“, sagte die Frau neben mir am Maltisch, „Da fehlt was.“ Gibt mir einen Klecks rote Farbe auf mein Meisterwerk und zieht es mit dem Spachtel gerade. „Das Herz“.
Mein Sohn, der das Bild die ganzen Jahre nie bemerkt hat, fragt mich plötzlich: „Papa, was soll das Bild denn bedeuten?“ „Nichts“, nuschle ich vor mich hin. „Nur Striche mit kalten Farben.“ „Und das Rote?“ „Das ist das Herz“, fällt es mir wieder ein.“ „Und warum ist das eckig? „Weiß nicht, muss so sein.“ „Ich weiß es“, erklärt er mir. „Die rechteckigen Gestalten müssen auch ein rechteckiges Herz haben.“

Appetithäppchen

Abends um elf, im Dönerladen „Rehberge Bistro“. Ich komme aus dem Kino. Habe mir „Silent Friend“ angeschaut. Im Herzen ist mir warm, aber für den Bauch brauche ich noch was Warmes. Das Bistro ist direkt neben dem U-Bahnausgang. Die Hühnersuppe ist hier besonders gut und wird mit einer reichen Beilage aus frischem Gemüse und Pepperonis von der Dame des Hauses selbst an den Tisch gebracht. Neben mir sitzt ein drahtiger, nicht mehr ganz junger Mann mit etwas wie einer weißen Taucherbrille im Gesicht. Ganz verschwommen sieht man durch das Glas seine Augen. Er blickt auf die leere Wand neben mir, nuckelt an einer Cola und spielt auf seinem Handy. Neben so einem Alien schmeckt mir mein Essen nicht. „Was sehen sie denn da?“, frage ich, um in Kontakt zu kommen. „Die Bilanzzahlen von Apple. 40 Milliarden Dollar Gewinn“, haucht er ins Nirgendwo. Anscheinend ist er auch an einem Gespräch interessiert, denn nach zwei drei weiteren Fragen zieht er die Brille aus. 

Er sieht auf meine Hühnersuppe. „Also das würd‘ ich nicht essen. Wissen Sie, was da drin ist? Das ist doch alles voller künstlicher Hormone.“ „Ja“, sage ich, „aber es macht warm und es gibt frisches Gemüse dazu.“ Es stellt sich heraus, dass er bis vor Kurzem im Nachbarladen gearbeitet hat, der Vegane Bowls verkauft. Jetzt ist er auf Bürgergeld, aber der missionarische Eifer bleibt. „Ich ess ja auch mal einen Döner, aber bei so einer Bowl, da weißt du, was drin ist. Und alles regional.“ Er redet weiter, über Aktienkurse (er hat keine Apple-Aktien), wann man sich was anschaffen kann (wenn man das Geld hat), und wie lange er auf die VR-Brille gespart hat. Als meine Suppe alle wird, sind wir schon bei seiner On-Off-Beziehung. Ich zahle und schaue noch mal zurück: Er hat die Brille noch nicht wieder aufgesetzt.

Tags drauf,  bei Kaufland an der Kasse. Ich lege vier große Tafeln Schokolade auf das Fließband. Die Kassiererin ist eine kleine Frau, nicht mehr jung und vom Leben hart gezeichnet. Mit Leib und Seele ist sie bei ihrem Job. Eben noch hat sie ich vor mir länger kichernd mit einem bärtigen Mann unterhalten, den sie wohl kannte und hat ihm gute Tipps zu den fünf kleinen Kartons mit Damenbinden gegeben, die er aufs Band gelegt hatte. Jetzt bin ich an der Reihe. „Dit sind aber nicht die aus dem Sonderangebot.“, warnt sie mich, als sie die Schokolade in die Hand nimmt . „Nur die Kleenen gibts für 1 Euro, die hier kosten 4,99.“ „Ich weiß“, sag ich, „Aber heute gibt`s Zeugnisse und da kriegt jedes von meinen Kindern eine große Tafel.“ „Also ick würde ja meinen Kindern nich so wat jehm.“, werde ich belehrt. „Wissense wat da drinne ist? Lesense ma Stiftung Warentest. Da wird ihnen übel. Da is Zuckerwatte noch gesund dagegen.“ „Ja“ sag ich, „haben sie Recht, aber heute ist eine Ausnahme.“ „Also ick muss den Mist ja hier vakoofen, aber selber rühr ich den Kram nich an.“ „Und welche Schokolade essen sie?“, frag ich genervt. Sie winkt mich übers Band und ich beuge mich zu ihr runter: „Nehmse einfach Kakao, in den Topf, bisschen Mehl dazu und ein ganz bisschen Zucker, rühren, fertig. Ist lecker, sag ich ihnen.“

Berliner Charme

Wer sagt denn, dass die Berliner ruppig sind, und dass hier Nix klappt?

Kaum ist das Schlachtfeld in meiner Wohnung nach dem Heizungstausch beseitigt, schon gibt’s Schokolade von der Hausverwaltung und eine Mieterhöhung ab Mai. Sogar den tropfenden Wasserhahn wollen sie auswechseln lassen – irgendwann.

Auch sonst lässt‘s sich hier leben. Jeder Tag ein Abenteuer.

Bilder einer Ausstellung

Müllerstraße, stadtauswärts, hinter dem U-Bahnhof. Seit Jahren gibt es hier einen Laden für Party-Artikel und Kostüme. Aber die Auslage ist verstaubt, die Farben verblasst, die Plakate blaustichig. Ein trauriger Anblick für einen Laden, der Freude verkaufen will. Ist der Laden zu, oder passiert hier noch was?  Da geht die Tür auf. Heraus kommt ein Mann mit einer fröhlichen grauen Lockenpracht. „Hallo!“, sag ich, „Ist ihr Geschäft noch offen?“ „Natürlich“, raunzt er zurück, „Wonach sieht’s denn aus?“ „Na ja, die Auslage hat sich seit ein paar Jahren nicht verändert.“ „Und sie fragen sich jetzt, ob dit een Laden is oder n’e Ausstellung?“. „Bald ist Karneval, da könnt man ja mal was Neues ins Schaufenster stellen.“ „Ach was, das läuft doch alles heute über Temu oder Sch…“ Das letzte Wort klingt wie ein Fluch. Neben uns hält ein DHL-Transporter, auf den der Mann wohl gewartet hat.

Der Bote drückt ihm drei Pakete in die Hand. Er nimmt Lieferungen von Online-Shops an, die sein Geschäft ruiniert haben. Damit verdient der Grauhaarige wohl jetzt sein Geld. Die Party ist vorbei. Er muss irgendwie über die Runden kommen.

Schlechte Futterverwerter

Es war Anfang letzter Woche. Berlin versank im Schnee, ich hatte mich unter ein verschneites Brandenburger Dach geflüchtet. In meiner Wohnung wurde die Gastherme rausgerissen und Brandenburg hatte die Anwesenheitspflicht in den Schulen aufgehoben. Da saßen wir nun. Die Eltern im Homeoffice, die Jungs beim Homeschooling, alle über ihre Laptops gebeugt. Nur der Jüngste musste durch den Schnee stapfen, denn die Grundschule macht kein Homeschooling. Als es Mittag wurde, kam die Mutter auf die verrückte Idee, das Schulessen in der Schule abzuholen. „Das haben wir ja schließlich bezahlt.“ Sie hätte auch sagen können „Ich habe keine Lust, zu kochen.“ Dann hätte ich wie jedes Mal Kartoffeln aus dem Keller geholt und irgendwas dazu gemacht. Aber so wurde der Caterer angerufen, der versicherte, dass das Essen an die Schule geliefert worden sei und man es sich abholen könne. Jetzt war ja eigentlich der Grund für das Zuhausebleiben der Kinder, dass sie sich nicht bei Blitzeis auf den Schulweg machen müssen. Aber für Eltern gilt das nicht, vor allem wenn es gilt, Essen vor dem Verderb zu retten. Also fahren wir, natürlich mit dem Auto, drei Kilometer um zwei Portionen Schulessen abzuholen. Es ist halb eins. Vor der Schule schippt der Hausmeister Schnee. Die Mensa ist geschlossen. „Ja“, sagt der Hausmeister, „Das Essen ist geliefert worden. Aber es sind ja keine Schüler da. Da haben wir das Essen in die Tonne geworfen.“ In die Schule gehen 900 Kinder. Auf dem Rückweg springe ich schnell in den großen Rewe-Markt, kaufe Bratwürste Orangen und Erbsen. Die Großen sagen, sie haben keinen Hunger. Nur als ich den Kleinen abhole, hat er Appetit. „Mama hat vergessen, für heute Essen zu bestellen.“

Zwei Tage später zurück in Berlin. Meine Wohnung ist eine Baustelle, aber so warm wie noch nie. Die neue Wärmepumpe funktioniert. Aber was nicht funktioniert ist die Verteilung von Lebensmitteln. Zumindest, soweit es der Markt regeln soll. Nicht nur das Essen für eine ganze Schule, sondern gleich 4000 Tonnen Kartoffeln sollen in Sachsen weggeworfen werden – weil es zu viele davon gibt und weil es billiger ist die Kartoffeln in die Biogas-Anlage zu werfen, als den Transport zu den Händlern zu zahlen. Und das zu Beginn der „Grünen Woche“, der jährlichen Marketing-Show für die Landwirtschaft in Berlin. Flugs passiert das, was in Berlin wirklich gut funktioniert: Leute für eine spontane Aktion für eine gute Sache mobilisieren. Die Aktion heißt 4000 Tonnen wird von der Berliner Morgenpost und einer Internet-Suchmaschine aus dem Wedding organisiert, die die Transportkosten übernimmt. Die Kartoffeln werden an Kitas, Tafeln, Obdachlosenheime und Nachbarschaftsläden geliefert. Jeder kriegt einen Sack. Da sind eine Tonne Kartoffeln drin. Alle können kommen und sich so viel holen, wie sie wollen. Berlin ist im Kartoffel-Fieber. Die Ankunft der Lastwagen aus Sachsen wird herbeigesehnt wie einst die Landung der Rosinen-Bomber bei der Luftbrücke nach dem Krieg. In zwei Stunden ist die erste Lieferung vergriffen. Die andern meckern, weil sie erst am Montag beliefert werden. Man könnte meinen, die Stadt hungert. Dabei gibt es überall Kartoffeln im Sonderangebot. Bei Penny werden sie für 46 Cent das Kilo verscherbelt. Und die türkischen Gemüsehändler bleiben auf ihrer Ware sitzen. Ganz zu schweigen von den Bio-Bauern in Brandenburg. 4000 Tonnen Kartoffeln ist ihre Jahresproduktion, die sie bisher zu einigermaßen vernünftigen Preisen nach Berlin verkaufen konnten, klagen sie auf der Demo „Wir haben es satt“, die sich immer parallel zur Fressorgie der „Grünen Woche“ für vernünftige, nachhaltige Landwirtschaft einsetzt. Gibt kein richtiges Leben im falschen? Eine Bloggerin in unserem Lokal-Blog schlägt eine Lösung vor, die alle glücklich machen könnte: „Wollen wir nicht einfach Wedding-Wodka aus den Kartoffeln brennen?

Um den Block 2026

Der Sturm ist vorbei. Oder besser: Er ist an Berlin vorbei gegangen. Zumindest der Schneesturm. Das Leben geht hier unbeeindruckt weiter und endlich scheint die Sonne über den vereisten Straßen. Zeit mal das neue Teleobjektiv auszuprobieren, das ich mir zu Weihnachten geschenkt habe. Gebraucht natürlich. Mal schauen, ob ich einem Wintertag im Wedding ein bisschen Farbe entlocken kann.

Ach ja, die schönste Farbe heute war Himmelblau.

Stellvertretende Gedanken

In der Johanneskirche in Saalfeld. Wenigstens unter dem Dach funktioniert der Zusammenhalt hier noch. Ist aber filigran.

Gerade lese ich, dass die Abgeordneten der Nationalversammlung in Paris eine Gedenkminute für die Opfer des Brandes im Schweizer Crans-Montana abhalten. Und das Ritual kommt mir plötzlich so aus der der Zeit gefallen vor. Wollen wir das überhaupt noch, dass jemand in unserem Namen trauert, gedenkt, nachdenkt, Verantwortung übernimmt? Wollen wir nicht viel lieber unsere Gefühle direkt über alle Medien und ungefiltert in die Welt bringen? Wollen wir nicht lieber in allen Dingen mitreden, mitentscheiden und gefragt werden? Ist die Meinung der Einzelnen nicht klüger als die ihrer Vertreter? Und glaubt noch jemand an die „Würde“, die moralische Leitfunktion, die Berücksichtigung übergeordneter Interessen unserer Gemeinschaft, die bestimmte Institutionen wie das Parlament oder der Bundespräsident für sich beanspruchen? Oder an eine gemeinsame Idee? Im Studium hatte ich mal ein Seminar über den Schweizer Philosophen J.J. Rousseau. Der glaubte, dass es über dem gemeinsamen Einzelinteressen aller noch einen Willen der Gemeinschaft gibt. Da hieß es: „Die volonté générale ist ein Ideal, das die Selbstregierung einer Gesellschaft bestimmen soll, indem sie die Gesetzgebung auf den Erhalt und das Wohlergehen der Gesellschaft als politischer Körperschaft ausrichtet.“ Glaubt das noch jemand?

Ich für meinen Teil finde es sehr entlastend, Verantwortung abgeben und auf die Entscheidung meiner Vertreterinnen und Vertreter vertrauen zu können. Nicht nur weil ich mich nicht mit der langen Liste der Entscheidungen beschäftigen möchte, die bei jeder Sitzung des Bundestages auf der Tagesordnung stehen. Nicht nur, weil ich zu vielen Themen schlicht keine Meinung habe, nicht nur, weil ich in Beruf und Familie genug Entscheidungen treffen muss, sondern auch weil ich bisher den Eindruck hatte, dass Menschen, die für die Gemeinschaft eine Aufgabe übernehmen, das bisher im Großen und Ganzen gut gemacht haben. Ernsthaft! Und das Schöne ist, dass sie, wenn was nicht klappt, auch wenn sie nicht daran schuld sind, als Sündenböcke herhalten können. In Berlin wird derzeit der Regierende Bürgermeister gegrillt, weil er lieber Tennis spielte als nach dem Anschlag auf die Stromleitungen bei den frierenden Bewohnern der Altenheime zu sein. Da merkt man, dass die Menschen an Vertreter eines öffentlichen Amtes durchaus noch mehr Ansprüche haben als ein halbwegs funktionierendes Krisenmanagement.

Leider wurde mein Vertrauen in meine Vertreter ausgerechnet in einer Kirche erschüttert. Die katholische Kirche ist ja geradezu die Erfinderin der Idee des „Stellvertreters auf Erden“. Und sie hat das Vertrauen gründlich missbraucht. Aber diesmal war es die evangelische Johanneskirche in Saalfeld in Thüringen, die ich mit einem Freund im Sommer besuchte (ja, wir haben uns im Osten nicht nur Plattenbauten angeschaut). Der engagierte Küster gab uns eine kostenlose Kunstführung durch die wunderschön restaurierte Kirche. Und wir kamen natürlich auf die Geschichte und von der Geschichte zur politischen Gegenwart. Und da ist die AfD nach der Landtagswahl 2024 in Thüringen stärkste Partei. Und der freundliche Kirchenmann wurde plötzlich zynisch. „Glauben sie nicht, dass das nur unser Problem ist. Das wird ihnen in Berlin genau so passieren.“ Von einem Kirchenmann erwarte ich Gottes Segen auf all meinen Wegen. Aber das klang wie ein Fluch, den er uns mit auf den Heimweg geben wollte, wohl auch um die Schuld seiner Schäfchen zu vermindern.

Aber wie ist es, wenn in Berlin, sowohl im Land 2026 als auch später im Bundestag die AfD die Oberhand gewinnt? Sind dann noch gemeinsame Gedenkstunden denkbar? Oder werden auch zu diesen Anlässen Spaltung, Hass und Häme den Ton bestimmen? Spätestens dann werden wir wissen, wie wichtig diese abgenutzten Rituale unserer Gemeinschaft für uns sind.

Energiewende

Eigentlich sollte es heute losgehen. Nach einem langen Hin- und Her mit dem Vermieter, sollte heute die Wärmepumpe kommen. Die Leitungen waren schon im Herbst im Hinterhof vergraben worden. Aber obwohl es in unserem Haus nur acht Mietparteien gibt, hatte jeder im Laufe der Jahre seinen Kohleofen rausgeschmissen und seine eigene Heizung eingebaut und deshalb hatte jeder mehr oder weniger Interesse an einer neuen Energieversorgung – Klimawandel hin oder her. Deswegen hat es sich gezogen und deswegen wird bei uns jetzt mitten im Winter die Heizung ausgetauscht. Eigentlich.

Als ich heute Morgen aus dem Fenster in den verschneiten Hof schaue, liegen da immer noch die offenen Rohre. Und als ich um halb elf mir eine Kaffee in der Bäckerei um die Ecke hole, sitzen da acht Klempner in Blaumännern. Ich spreche sie an, wann es denn losginge. „Wenn die Pumpe endlich geliefert wird.“ kommt es gut gelaunt zurück. Eine Stunde später stehen zwei von ihnen im Garten, ein Älterer und ein Jüngerer und bauen aus Langeweile einen Schneemann. Dann klingelt es und ein Elektriker mit Bommelmütze und einem lustigen Akzent teilt mir mit, das morgen den ganzen Tag der Strom abgeklemmt wird. Wollte uns der Vermieter nicht einen detaillierten Ablaufplan schicken? Und als ich abends in den Hof gehe, steht da ein grauer Klotz, so groß wie ein Kleiderschrank. Hab gar nicht gehört, wie sie den über die Kellertreppe gewuchtet haben. Ich kriege da nur mit Mühe mein Fahrrad hoch. Aber acht starke Männer….

So sieht also unsere Zukunft aus. Immerhin – sie haben es hingekriegt. Das macht mir Hoffnung. Denn nächste Woche ist meine Wohnung dran. Dann fliegt die alte Gasheizung raus. Dann muss ich raus aus meiner Höhle, mitten im Winter. Davor graut es mir, auch wenn ich Unterschlupf bei der Mutter meiner Söhne bekomme. Die freuen sich schon, dass der Vater mal wieder da ist. Haben sie auf jeden Fall gesagt. Und wer weiß, vielleicht werden die Klempner ja sogar nach Plan fertig, vielleicht kommen sogar die Bauteile rechtzeitig und vielleicht funktioniert das Ding am Ende sogar.

Nebel der Verfluchten

Der Rhein verdampft. In den dichten Nebelschwaden die aus seinem trockenen Flussbett aufsteigen fliegen die Wassergeister, die Rheintöchter und Walküren in den kalten Rauhnächten unerkannt über Tal und Wiesen und schaffen Wirrnis und Wahnsinn unter den Menschen und ihren Gehilfen. Die Zeit versinkt, die Uhren laufen rückwärts und weh dem Reisenden, der sich ohne Schutz auf den Weg in den Osten nach Westfalen wagt. „Warum heißt das eigentlich Ostwestfalen? Das gibt doch keinen Sinn.“, weiß mir die wirkliche weise Rheintochter, die mir auf dem Weg nach Hamm beisteht. Ach Tochter, wenn doch dieses verfluchtes Land nur diese Wirrnis der Worte seit Generationen erdulden müsste. Sag mir lieber, wo der Zug geblieben ist, den wir in Hamm zu erhaschen geglaubt hatten. Hat ihn der Nebel verschluckt, haben böse Geister ihn von den Gleisen geraubt? Oder irrt er, voll mit verlorenen Seelen auf ewig durch ein dunkles Reich im Jenseits, fern aller Fahrpläne, gestrandet und dazu verdammt, niemals wieder in die Wirklichkeit zurück zu kehren? Welcher Verkehrsminister muss zur Buße seiner Frevel auf ewig im Steuerstand dieses verfluchten ICE stehen und welcher Bahnchef muss als Strafe für seine Hoffahrt in diesem Geisterzug auf immer die verstopfte Toilette putzen?

„Einen ICE um 14 Uhr 11 von Hamm nach Berlin hat es nie gegeben.“, höhnt der Mann mit der Schirmmütze hinter der Panzerglasscheibe der Bahnhofsinformation. Aber hier steht es doch, in meinem Telefon, will ich sagen, will ihm die Nachricht, die uns auf den falschen Weg geleitet hat vor sein amtliches Gesicht halten. „Ja“, hallt es aus der Amtsstube, „ein altes iPhone. Da werden die Züge seit Wochen eine Stunde früher angezeigt. Das ist bekannt.“

Damit wir es selber lesen können, hebt er uns sein Amtstelefon an die Scheibe. Natürlich, es ist meine Schuld. Warum weiß ich nicht, was der Amtsperson wohlbekannt ist? Warum habe ich ein altes Telefon und auch noch von der falschen Marke? Nicht böser Geister Willkür hat mich und meine Tochter vom rechten Weg abgebracht, sondern fehlende Wachsamkeit meinerseits. Tief beschämt nehmen wir eine Stunde später unsere Plätze in dem Zug ein, den die Bahn für uns bestimmt hat. Wie konnten wir uns so in die Irre führen lassen? Da kommt hinter Hannover die Durchsage: „Leider haben wir derzeit 15 Minuten Verspätung. Die Verspätung wird sich bis Berlin leider noch erhöhen. Grund dafür ist ein vorausfahrender Zug auf der Strecke.“ Da ist er! Der Geisterzug. Es gibt ihn doch. Und er wird immer auftauchen, wenn die Bahn eine Ausrede für ihre Verspätungen braucht. Also noch sehr, sehr lange. Bis in alle Ewigkeit. Ein Erlöser ist nicht in Sicht. Ich schaue durch das Zugfenster. Dunkelheit hat den Nebel verschluckt. Aber sehe ich nicht vor uns die schwachen roten Rücklichter eines vorausfahrenden Zuges? Und höre ich nicht leise das Wehgeschrei der Verdammten in seinen Abteilen? Nein, es ist der Schaffner in blutroter Livree, der uns Gummibärchen anbietet, um uns trotz Verspätung bei Laune zu halten. Sind wir wirklich im richtigen Zug? Und wird unsere Fahrt je enden?