Göttlich

Im Sprengel-Kiez muss man Zeit haben. Wer hier lebt hat wenig. Wenig Verkehr, wenig Lärm, kaum einer hat ein Auto. Dafür tun hier alle so als hätten sie viel Zeit. Es gibt es viele kleine Läden. Hier gibt es nicht viel. Hansi, der Bäcker hat nur fünf Sorten Brot im unbehandelten Holzregal. Aber dafür sind die natursauer und handgemacht. Ein Tortencafé, das Kaffee und Kuchen anbietet wie ihn die Tanten meiner Jugend zubereiteten wird von zwei jungen Frauen betrieben, die sich mit dem Abarbeiten der Bestellungen Zeit lassen. Alles wird mit betonter Sorgfalt und Umständlichkeit zubereitet. Der Laden ist trotzdem voll und die Tische stehen bis auf die Straßenecke. Ein anderes Café heißt „Göttlich“ und verspricht viele einfache Genüsse, nur keinen schnellen Service. Geboten wird vor allem allem höllisch bitterer und sündhaft teurer Kaffee auf den man auf den groben Holzbänken draußen so lange warten muss, als warte man auf ein Gespräch mit seinem Beichtvater. Beschweren ausgeschlossen: Denn das heilige Gebräu wird von einer der jungen Baristas mit einer herablassenden Geste serviert, die ich sonst nur von Priestern der katholischen Kirche kenne: Ich bin der, der das Ritual kennt und ich bin derjenige, der dich der Gnade des Abendmahls teilhaftig werden lässt. Wer will sich beschweren, wenn es um sein Seelenheil geht?

Als Mensch, der noch in irdischen Dingen gefangen ist, wird einem auch das göttliche Lachen der Gelassenen zuteil. Im Bio Laden, in den ich auf dem Weg von der Arbeit kurz hinein springe, um schnell einen Liter Milch zu holen, werde ich in meiner Hektik von einem betont entspannten Gespräch des Verkäufers mit einem Kunden gebremst. In aller Ruhe und Freundlichkeit wird über die drei Möhren und das halbe Vollkorn-Brot gesprochen, das der wohl mit dem Bio-Krämer befreundete Mann nach langem Wägen aus dem halbleeren Holzregal wählt. Natürlich ist das persönliche Gespräch wichtiger als der nackte Warentausch. Wo wäre der Mensch weniger Mensch als dort, wo er allein auf seine reine Rolle als Konsument reduziert wird? Und auch die ausgebeutete Verkäuferin, die im grellen Neonlicht zum Mindestlohn die Waren über den Scanner zieht, und keine Zeit für ein freundliches Wort mit den Menschen hat. Wollten wir das nicht alles überwinden? Ja, morgen. Jetzt habe ich es eilig und ich mache den Fehler, es auch zu sagen: „Geht das auch ein bisschen schneller, ich habs eilig?“. Die Stille, die darauf folgte, war tödlich und währte nur eine Sekunde. Dann verzog der Krämer genüsslich sein Gesicht und grinste zu seinem Kumpel rüber „Oh, da muss jemand wohl noch lernen, sich zu entspannen.“ Geruhsam führte er sein Auswahlgespräch fort und nach einer unendlich scheinenden Zeit geruhte er, mir den unverschämten Preis für die Milch von entspannt grasenden Kühen (mit Hörnern, wie mir das Etikett versicherte) abzuverlangen.

Der früh verstorbene Satiriker Wiglaf Droste vermutete schon vor der Jahrtausendwende, dass die Langsamkeit der Menschen in den Bio-Läden daher komme, dass die gesunde Kost, die dort angeboten wird halt doch nicht so viel Energie verleihe, wie von Ihren Anhängern ständig mantraartig gepriesen wird. In jener Zeit wollte man aber immerhin noch die Entschleunigung für alle (ich weiß das noch genau, denn ich war Mitglied im Öko-Coop „Wurzelwerk“) Jetzt ist die Langsamkeit nur noch eine schnöselige Attitüde derer, die zeigen wollen, dass sie es nicht nötig haben, im Hamsterrad zu laufen – und trotzdem dauernd Kaffee trinken.

Meinen nächsten Kaffee trinke ich wieder bei Edeka in der Müllerstraße. Da ist der Kaffee dünn und es ist laut und hektisch. Aber man bekommt ihn sofort und alles zusammen ist belebender als das geweihte Koffein aus dem Sprengel-Kiez. (Und die gleiche Bio-Milch ist bei Edeka einen Euro billiger).

„Wohnraum und WLAN“

Dieser Geburtstagsgruß könnte von Elif Eralp kommen, der Frau, die für die Linke die Wahl in Berlin gewonnen hat. Geschickt hat ihn mir aber eine Freundin, die mal mit mir im Wedding gewohnt, sich aber schon längst ins Eigenheim am Stadtrand verabschiedet hat. Nicht mehr „Glück und Gesundheit“ oder „Viel Glück und viel Segen“, wie das auf alten Geburtstagskarten zu lesen war.

Karten gibt es sowieso nicht mehr.

Die Witwe meines besten Freundes schickt mir per Mail ein Foto ihres Tiny-Houses, das sie sich nun endlich in einen Olivenhain auf Kreta hingestellt hat. Die Vorstellungen vom Glück sind kleiner geworden. Ob es WLAN hat, weiß ich nicht.

Der verfluchte, weiße Elefant

Immer noch Vilnius. Und wieder ein Gebäude, das man nicht auf der Touristen-Karte findet und auch nicht im Reiseführer. Offiziell ist hier grüne Wiese. Dabei ist der Bau unübersehbar, von weitem sichtbar, denn er ist riesig, um nicht zu sagen: gigantisch! Es steht einfach da, seit 1971, gegenüber dem litauischen Nationalmuseum, aber am anderen Ufer der Neris. Am Nationalmuseum wird kräftig gebaut. Es bekommt ein neues Dach und bald wohl auch einen neuen Inhalt. Am ehemaligen Sportpalast aus Sowjetzeiten, dem großen weißen Elefanten im Stadtraum, werkelt nur ein einsamer Elektriker, der uns verscheuchen will. „No civilians here!“, herrscht er uns an als sei es militärisches Sperrgebiet. Aber da ist unser Entdeckergeist schon längst geweckt.

Ich schlüpfe durch eine Lücke im Bauzaun, die mein Freund, wie in alten Zeiten, für mich aufhält. Eine halbe Stunde springe ich mit der Kamera um den Palast wie ein Kind um den Weihnachtsbaum. Alles für mich und an jeder Ecke wartet ein neuer phantastischer Blickwinkel wie ein neues Päckchen, das ich auspacken darf. Ich stolpere auch über einen Gedenkstein, in Hebräisch und Litauisch. Auch er nicht auf der Karte eingetragen. Keine Chance, das zu entziffern. Erstmal genug Rätselraten für heute. Gibt noch andere schöne Ecken in der Stadt. Die übervolle Markthalle zum Beispiel.

Am nächsten Tag regnet es. Genug Zeit, für ein paar Recherchen. In alten Bildbänden, die wir im Gastraum unseres Hostels finden, gibt es Fotos, die den Koloss in besseren Zeiten zeigen. Aber seltsamerweise weit hinten und ohne großen Kommentar. Dabei war man in der Sowjetunion doch meist sehr stolz auf die Neubauten. Im Technikmuseum gibt es ein Stadtmodell von 1980, das den Sportkomplex in seiner ganzen Größe zeigt. Mit Schwimmbad und Stadion. Das Stadion ist längst abgerissen und durch moderne Bürohäuser und Stadtvillen überbaut, das Schwimmbad ist eine Ruine. Der Koloss hat überlebt und steht seit ein paar Jahren unter Denkmalschutz. Aber warum steht er leer? Warum will keiner etwas davon wissen?

Weil er und das Stadion auf einem Gräberfeld gebaut wurden. Das war es, was auf dem Gedenkstein stand. (Google kann zwar kein Litauisch, aber Hebräisch) Hier war der älteste jüdische Friedhof von Vilnius. Die jüdische Bevölkerung, die einmal mehr als ein Drittel der Einwohner zählte, wurde von den Deutschen umgebracht. Die Sowjets haben dann in den 1950ern die Reste des Friedhofs einfach planiert und den Sportkomplex draufgesetzt. Spiel und Spaß auf den Gräbern von toten Juden. Eine Freundin aus Ost-Berlin erzählte mir Ähnliches. Der jüdische Friedhof im Scheunenviertel sei der Sportplatz ihrer Schule gewesen. Kein Wunder, dass das nicht gut ging. Nachdem Litauen unabhängig war, gab es laut Wikipedia eine Klage der Nachkommen der dort Beerdigten gegen eine neue Nutzung. Seitdem herrscht Grabesstille und der Palast ist zum Nicht-Ort geworden.

Als wir am Bahnhof von Vilnius auf unseren Zug warten, kommt ein alter Mann auf uns zu. Gebeugt, kleiner Rucksack, schwarze Laptoptasche. Er sucht seinen Stock und findet ihn auf unserer Bank. Sein Gesicht kommt mir bekannt vor. Als er mit weicher dunkler Stimme in langsamem Deutsch anfängt zu erzählen denke ich : Leonhard Cohen. Das gleiche Lächeln, die gleiche Stimme. Aber seine Geschichte ist eine andere. 1942 sei er im Ghetto von Vilnius geboren. Es habe damals keine Babys im Ghetto geben dürfen. Frauen hätten ihn versteckt und er sei in einem Haus aufgewachsen. Ihm fehlt das Wort und er formt ein Dach mit den Händen „für Kinder“. Er sei Sportler geworden und lebe jetzt in Israel. Heute sei er zu einer Gedenkfeier hier gewesen, allein, mit 83, mit dem Zug. Jetzt wolle er weiter nach Byalistok, zu „Anwandten“. Später sehe ich ihn im Zug. Er sprich Litauisch mit der Schaffnerin und telefoniert mit seinen Verwandten auf Polnisch. Als ich mich neben ihn setze, schweigt er einen Moment und entschuldigt sich dann. Es dauere etwas, bis er wieder umdenken könne – von Polnisch auf Deutsch. Als eine Frau mit Kinderwagen zusteigt, steht er auf, und bietet ihr seinen Platz an. Die lehnt ab, als sie ihn wacklig auf den Stock gestützt stehen sieht. „Tapfere Frau“, sagt er, als er sich wieder in seinen Sitz fallen lässt.

Die leckerste Kirche von Vilnius

Irgendwo zwischen dem Künstlerviertel Uzupis und der auf Hochglanz polierten Altstadt von Vilnius, der Hauptstadt Litauens, fiel sie mir ins Auge. Vielleicht, weil man ihr ansah, dass sie schwere Zeiten hinter sich hatte, vielleicht weil ich Hunger hatte und mich die Speisekarte am Zaun anlockte. Von katholischen Kirchen bin ich dünne Oblaten gewohnt, die in Wein getunkt werden. Die hier lockte mit „pirmas blynas“ , also leckeren Pfannkuchen. Auch drinnen überzeugte mich das Angebot: Statt barockem Kitsch und vergoldeten Gipsfiguren herrschten hier nüchterner Beton und rostige Stahltüren vor, als hätten Berliner Architekten ein neues Café entworfen. Dabei war es, wie ich später las, ein Erbe der gottlosen Sowjetzeiten, als man die Kirche zum Getreidespeicher umfunktioniert hatte. Was sollte man auch machen, mit all den Kirchen, die im „Rom des Ostens“ plötzlich niemand mehr brauchte? Aus der Kathedrale wurde eine Gemäldegalerie. Auch schön.

Bedient und bekocht wurden mein Freund und ich von Kellnern und Köchen mit Behinderungen. Und es schmeckte großartig. Das Beste was wir bisher auf unserer Reise durch das Baltikum gefunden haben. Natürlich gabs noch was Süßes zum Dessert.

Aber nicht nur der Leib, auch der Geist braucht Nahrung. Und dafür mussten wir nur drei Treppen nach oben steigen. Dort, auf der dritten Etage des ehemaligen Speichers hat sich wieder eine christliche Gemeinde eingerichtet. Äußerlich aufs Wesentliche beschränkt und ungefähr 10 Höhenmeter näher am lieben Gott.

Indian Wedding

Ich bin mal wieder liegen geblieben. Nachts. Mit dem Moped. Kurz vor zu Hause. Auf dem Leopoldplatz. Das ist kein Ort, an dem ich nachts gerne bin. Tagsüber auch nicht. Ist einfach zu viel Elend da. Und zu viel Hektik. Ich bleibe neben der Bushaltestelle stehen, an der die Leute aus der U-Bahn umsteigen in die drei, vier Buslinien, die hier halten und überlege, was es denn jetzt wieder sein kann. Ein junger Mann kommt auf mich zu und spricht mich an. „Beautiful Motorcycle“. Das ist neu. Auf mein Ost-Moped sprechen mich normalerweise nur Jungs mit Ost-Hintergrund an, mit seligem Blick voll der wiedergefundenen Heimat im garstigen Berlin. Der Mann hier kommt auch aus dem Osten, aber aus dem fernen. „Ein Inder“, denke ich, obwohl ich das nicht weiß. Neulich kam ich mit dem Mann ins Gespräch, der bei uns seit ein paar Jahren mit seiner Frau den Kiosk und die Postfiliale schmeißt und der kam aus Sri Lanka. Ist was anderes als Indien, hab ich gelernt, aber war egal. In der Zeitung las ich, dass in Berlin-Mitte die Inder die Polen als größte Ausländergruppe abgelöst haben. Glaub ich sofort. Die Straßen sind voll mit jungen Männern auf E-Bikes, die Essen ausfahren und in meinem Viertel stehen die Räder immer öfter vor den Häusern, in denen sie mit ihren Schicksalsgenossen in Wohngemeinschaften wohnen. Im Schillerpark trainiert eine indische Kricketmannschaft auf der Wiese. Mein Motorradfreund vom Leopoldplatz erzählt mir, dass er auch so ein Motorrad hat, zu Hause, in Indien. Und dass er es sehr vermisst und schon darüber nachdenkt, es sich hierher schicken zu lassen. Schon hat er sein Handy herausgezogen und zeigt mir Bilder von zu Hause. Drei leichte Yamaha-Motorräder, eine wohlhabende Familie. Und ich glaube, dass er nicht nur sein Motorrad vermisst, an diesem letzten sommerlich warmen Abend am Leopoldplatz in Berlin Wedding. Wir reden noch ein bisschen über Motoren, und dass alte Mopeds nicht gut für die Umwelt sind, und dann wird es Zeit weiter zu fahren.

Im Nachbarhaus sind in der Erdgeschosswohnung neue Mieter eingezogen, da wo der alte Messie, der einen immer vom Balkon angequatscht hat, wenn ich mit den Kindern im Hof war, vor ein paar Monaten unbemerkt gestorben ist. Die Wohnung ist frisch renoviert worden. Rot-Weiße Geranien stehen auf dem Fensterbrett, die Landesfarben von Berlin. Am Klingelschild zwei Namen, die klingen wie eine Asana aus meinem Yoga-Kurs, aber kein Lieferando-Fahrrad vor der Tür. Dafür hat einer einen Doktor vor dem Namen. Ich hab meine neuen Nachbarn noch nie gesehen.

Du bist keine Schönheit…

Und wie ging das bei Grönemeyer weiter? „Von Arbeit ganz grau. Du liebst dich ohne Schminke. Bist ne ehrliche Haut, leider total verbaut…“

Passt nicht ganz, aber ging mir durch den Kopf, als ich gestern, wie jeden Arbeitstag, am Russischen Haus, oder, soviel Zeit muss sein, Российский дом науки и культуры, oder, für Freunde, RUSHAUS# an der Friedrichstraße in Berlin vorbeiging. Es gibt nicht viel Schönes an ihm zu entdecken. Ich bin ja ein Freund realsozialistischer Architektur, aber bei diesem grauen, protzigen Klotz aus den 1980ern hört die Freundschaft auf. Die Fassade bröckelt und fällt einem nur nicht auf den Kopf, weil dort schon seit Jahren in der ersten Etage ein grünes Netz gespannt ist, an dem in der Adventszeit ganz malerisch üppige Lichterketten glänzen. Noch vor ein paar Jahren hatte ein Schweizer Juwelier im Erdgeschoss seine funkelnden Luxusuhren angeboten, aber die Zeit der reichen Russen auf dem Friedrichstraßen-Boulevard sind erstmal vorbei. Und daran ist ausnahmsweise nicht die Fahrradstraße schuld, die die grüne Verkehrssenatorin hier trotzig hat durchsetzen wollen. Es wird, soviel kann ich verraten, auch nicht besser, wenn man hinein geht. Grau, protzig und unübersichtlich.

Viele Stunden habe ich dort im Theatersaal verbracht, vor 20 Jahren, als die Tanzschule meiner Tochter dort ihre jährliche Gala veranstaltete. Die Luft war stickig und der Saal voll mit begeisterten Eltern. Und bis endlich nach all den Tutu-Kindern und dem ganzen „Schwanensee“ die Hip-Hop-Gruppe meiner Tochter dran war, war ich manchmal schon im Lächel-Koma. Wenn ich kam, verschwanden hinter unzähligen Türen unerkannte Mitarbeiterinnen (ja, meist Frauen) mit unerkennbaren Aufgaben in verwinkelten Fluren. Jetzt weiß ich von unserem Bundeskanzler, dass es keine Sprachlehrerinnen, Kunstlehrerinnen oder Bibliothekarinnen waren, sondern Agentinnen des russischen Geheimdienstes. Ich will das gar nicht in Frage stellen. Vom russischen Staat erwarte ich, so wie die meisten Russen, nichts Gutes. Aber wenn man sich ein wenig in Berlin auskennt, und auch wenn nicht, fragt man sich, warum sie gerade hier ihr Handwerk betreiben und nicht auf dem riesigen Komplex der Russischen Botschaft, zwei Blocks weiter. Unter den Linden, nicht weit weg von Brandenburger Tor und der US-Botschaft. Da ist genug Platz und es gibt ein Schwimmbad an dem bis vor Kurzem noch ein bronzener Lenin-Kopf prangte und eine Schule für die Kinder. Oder haben Agentinnen keine Kinder?

Aber wenn Kunst und Kultur 40 Jahre lang nur eine Tarnung waren, dann erklärt das wenigstens, warum die hier gezeigte Kultur in den letzetn Jahren so jämmerlich war. Immer wenn ich vorbei kam, dachte ich mir: Das kann doch nicht die russische Kultur sein? Anfang der 1990er war ich in St. Petersburg und hatte drei Wochen die aufbrechende Klub- und Kulturszene kennen gelernt. Und in den 2000er gab es keine Galerie und kein Museum in Deutschland, das nicht Künstlerinnen und Künstler aus dem Osten ausstellte. Tolle Sachen. Und in den Schaufenstern des Russischen Hauses? Selbsgetöpfertes, Naturfotos oder einen Buchladen der Mnogoknig (viel Buch) heißt und auch so aussieht. Er ist voller Bücher, aber sie sehen alle gleich aus und stehen in den Regalen wie Zinnsoldaten. Eine staatliche Kultur, die mehr zeigt, was fehlt, was nicht mehr gezeigt werden darf als dass sie die Vielfalt des Landes ausstellt. Wenn es einen Beweis dafür gibt, was in Russland derzeit an Freiheit fehlt, dann ist es in diesen Schaufenstern zu lesen. Ein großes Land, das sich auf dem Niveau eines Kindergartens präsentiert hat viel zu verschweigen. Und deshalb meine ich auch, dass das Haus nicht geschlossen werden soll. Nicht nur weil es von Russinnen und Russen aus Berlin weiter genutzt wird, sondern weil es, ohne das Wort Krieg oder Diktatur auszusprechen genau das zeigt. Und auch, weil wir in Berlin nicht noch einen leerstehenden Laden auf der Friedrichsstaße gebrauchen können.

Diese Lücke, diese entsetzliche Lücke…

Es geschah mitten in Berlin. Mitten in Mitte. Mitten im linken Herzen von Berlin. Vor der Volksbühne, in Sichtweite der Parteizentrale der Linken, einen Steinwurf von den Redaktionsbüros der linken Zeitung „Junge Welt“. Da hat tagelange rechte Hetze verhindert, dass eine Gruppe schwarzer Jugendlicher in das neu errichtete „Volksbad“ gehen konnte. Wo, wenn nicht mitten im linken Berlin hätte man erwarten können, dass sich dagegen Widerstand regt? Dass die internationale Solidarität geübt wird, die auf Demos so inbrünstig beschworen wird.

Oder dass das Bürgertum die Freiheit der Kunst verteidigt? Denn das Volksbad ist eine Kunstaktion. Dass der Regierende Bürgermeister zusammen mit den Kids ins Wasser gestiegen wäre?Oder sein Herausforderer von der SPD, der sich auf Wahlplakaten gerne sportlich zeigt? Aber der Regierende schweigt und Genosse Krach ist wohl gerade joggen. „Es rettet uns kein höheres Wesen…“

Statt dessen sagt der Verein Eoto aus dem Wedding die Veranstaltung ab und dem Intendanten der Volksbühne fällt angeblich nichts anderes ein, als ein pubertäres „Fickt euch“ über das Bad hängen zu lassen. ( das schon wieder runter geholt war, als ich eben vor der Volksbühne stand.)

Und ich? Schau mal kurz vorbei nach der Arbeit. Sehe eine Handvoll Leute verloren auf dem Rasen, einige essen Pommes in der eigens eingerichteten Frittenbude. Weil das ja für westdeutsche weiße Boomer zum Schwimmbaderlebnis dazu gehört.

Und ich? Fahre weiter zum Freiluftkino. Und was schaue ich mir an?

Vor der Sonnenfinsternis

Kurz nach Sechs schlüpfe ich durch die Tür der Metzgerei. Eigentlich hat sie bis halb Sieben offen. Der stiernackige Metzgersgeselle räumt schon die Fleischstücke aus der Theke. „Eigentlich haben wir schon zu!“, kommt es von der Verkäuferin. „Aber ich lass ihnen das heute noch mal durchgehen.“ Kein Augenzwinkern, kein Lächeln. Sie meint das ernst. „Aber sie ham doch bis halb Sieben.“ „Nee, seit dieser Woche nicht mehr. Aber das wissen noch nicht alle. Deswegen: Lass ich ihnen noch mal durchgehn. Was solls denn sein?“ Ich schnarre meine Bestellung runter und warte darauf, dass ich beim Schwarzwälder Schinken noch mal angeblafft werde, weil der ja fein geschnitten werden muss. Kommt aber nix mehr. Deshalb traue ich mir noch ein Stück fetten Speck extra zu ordern. „Ist der auch geräuchert?“, frage ich dreist. „Ja, ein bisschen.“, kommt es fachmännisch. Sie legt das dünne Messer an die solide Fettecke. „So?“. Ich nicke. Dann wir alles fest in graues Papier eingewickelt. Wie früher im Metzgerladen bei uns zu Hause. Deswegen komm ich ja hierher. „Gleich wirds dunkel!“, warne ich im Hinausgehen. Geselle und Verkäuferin schauen sich verständnislos an. „19:15 ist Sonnenfinsternis.“. Beide zucken mit den Achseln, als hätten sie das heute zum ersten Mal gehört. Draußen setze ich mich im nächsten Hinterhof auf eine Treppe, falte das Paket auf uns säbele mir ein Stück Speck ab. Er schmeckt immer noch so wie früher.

Berlin, ein Garten Eden

Manchmal hat das Warten an der „Bettelampeln“ über die vierspurige Seestraße auch etwas Gutes. Denn wenn ich schnell über die Staße gekommen wäre, hätte ich die Frauen gar nicht bemerkt, die ihre Hände in die Büsche an der Straßenbahnhaltestelle Seestraße steckten. Und erst recht nicht die roten Beeren, die sie unter den halbvertrockneten Blättern der frisch gestutzten Sträucher hervorholen. „Darf ich fragen, was das für Beeren sind, die sie da pflücken?“ frage ich eine Frau mit einer schon halb gefüllten Plastiktüte. Sie versucht es zuerst auf Englisch: „You eat it with sugar.“, aber den Namen der Frucht fällt ihr nicht ein, dann auf Französisch, „pour Marmelade“, aber zuletzt ruft sie eine Freundin, mit der sie Türkisch spricht und die mir auf Deutsch antwortet. „Das sind Kizilcìk, der deutsche Name fällt mir gerade nicht ein.“ Google hilft und wir finden heraus, dass es Kornellkirschen heißt. Ich probiere eine hellrote Kirsche und es zieht mir den Mund zusammen. Sauer! „Sie müssen die dunklen nehmen.“, lacht meine Ratgeberin. „Am besten sind sie mit Zucker oder man kann sie mit Apfelsaft zu Marmelade kochen.“ Eine weitere Frau kommt vorbei und rät mir, die Beeren vorher abzuwaschen: „Wegen der Autos und der Leute, die hier vorbeikommen.“ Sie kennt noch weitere Standorte, war gerade in Rudow. Anscheinend ist gerade in ganz Berlin Erntezeit. Und sie weiß, dass es ein paar Meter weiter, vor der Kapernaum-Kirche noch eine leckere Spezialität gibt: Lorbeerkirschen. „Sie müssen den Kern zerbeißen, dann schmeckt es wie Marzipan.“, schwärmt sie. Und als sei das nicht genug, weist sie über die Straße zu dem Chinesischen Restaurant: „Dort steht ein Pflaumenbaum, schöne, kleine feste Früchte. Aber keiner erntet sie. Es ist so schade.“ Der Wedding ist ein Paradies, ein Garten Eden für den, der sich auskennt. Ich hab es immer gewusst. Der Herr sorgt für die seinen. Die Lorbeerkirschen waren mir dann aber doch zu bitter.

(Was auch gut so ist. Durch einen Kommentar habe ich erfahren, dass man die Lorberkirschen besser nicht roh isst, und vor allem nicht auf die Kerne beißt, weil die eine Vorstufe von Blausäure enthalten,)

The Girl on a Motorcycle

Die Stadt ist dunkel, warm und voll mit Polizei. Ständig muss ich mit meinem Moped rechts ran, weil von hinten Blaulicht und Sirenen ihren Respekt fordern. Es ist der Abend nach dem CSD-Anschlag. „Eine Stadt sucht einen Mörder“, titelt der Tagesspiegel. Ich weiß zu dem Zeitpunkt noch nicht, dass sie ihn schon gefunden und erschossen hat. Ich habe andere Sorgen. Jedes Mal geht mir bei der Aktion der Motor aus. Der Tank ist fast leer und der Vergaser verstopft. So auch jetzt an der Ampel. Ich muss wieder ankicken und komme gerade noch über die Kreuzung. In der Straße rechts sehe ich im Vorbeifahren ein Polizeimotorrad, blau weiß, Moto Guzzi, wie sie auch die Berliner Polizei mal hatte. Mein Motor geht aus. Ich schiebe nach der Kreuzung das Moped auf den Bordstein. Das Motorrad hält neben mir. Ich hab keine Angst. Nicht vor einer übereifrigen Polizei, wie im heißen Herbst 77, als eine Freundin mit ihrer Vespa in Bonn genau vor dem Kanzleramt liegen geblieben war und plötzlich in den Lauf einer Maschinenpistole guckte. Nicht vor irgendwelchen Kontrollen. Denn das letzte Mal, als ich von der Polizei mitten in der Nacht wegen meines Bremslichts angehalten wurde, stieg der Beamte aus und outete sich als Simson-Fahrer. Statt eines Strafzettels zeigte er mir, an welcher Schraube ich mein Bremslicht richtig einstellen könnte.

Jetzt sehe ich, dass es keine Berliner Maschine ist, die neben mir hält, sondern eine von der Policia Stradale aus dem Italien der 1970er Jahre. Ein renovierter Oldtimer. In dem Zustand ein kleines Vermögen wert. Gefahren wird sie von einer jungen Frau mit Jet-Helm, rundem Gesicht und robusten Klamotten. Sie hat eine Freundin im gleichen Outfit auf dem Sozius. „Kann ich dir helfen?“, fragt die junge Frau über den Lenker. „Du brauchst Sprit, nicht?“ „Ja“, sag ich noch ganz überrascht von dem Angebot, „Mir fehlt Sprit.“ „Also, ich kann für dich zur nächsten Tanke fahren. Ne Wasserflasche hab ich dabei, wenn dir ein Liter weiterhilft. Ich mein: gibst mir nen Fünfer und wartest hier.“ Woher kenne ich das? Das ist Motorradfahrerethos der ganz alten Schule. Noch älter als das Motorrad, auf dem die beiden Frauen sitzen. „Motorradfahrer helfen einander“ Weil jedem mal was passieren konnte. Weil die Maschinen unzuverlässig waren, weil man zu einer kleinen, vom Bürgertum verachteten Minderheit gehörte. Klacks Leverkus, der Herausgeber der Zeitschrift „Motorrad“ hat sie in den 1960ern in die Welt gesetzt als noch nicht jeder Rechtsanwalt neben seinem BMW eine Harley in der Garage hatte. Genau so war ich unterwegs, als ich mein erstes richtiges Motorrad hatte. Helfen um dazu zu gehören – zu den richtigen Motorradfahren. „Danke,“, sag ich. „Ich schieb das Moped um die Ecke. Ist nicht weit bis zur nächsten U-Bahn. Dann kann ich es morgen abholen.“ Aber sie lässt nicht locker. „Du hast es doch bestimmt weit bis nach Hause, da ist doch besser, wenn ich dir jetzt was hole.“ The Girl on a Motorcycle. Das ist ein Film mit Marianne Faithful, die im engen Lederanzug mit einer Harley durch die Männerfantasien der 60er- Jahre bis nach Heidelberg braust. Hab ich mir das nicht immer gewünscht? Ich brauche keine Hilfe. Aber warum nicht einen Sommerabend mit zwei hilfsbereiten Frauen zu Ende bringen? Sie zum Dank auf ein Bier einladen, hier mitten im verrückt gewordenen Berlin? „Ich brauche Benzin und Öl.“, sag ich stattdessen. „Ist ein Zweitakter.“ „Zweitakter?, Versteh ich nicht.“, sagt sie. „Ist zwar ein altes Motorrad hier, aber ich lass das in der Werkstatt machen.“ Diese pfadfinderhafte Ehrlichkeit, und jetzt bringe ich sie auch noch um ihre gute Tat für diesen Tag. „Ich brauche ein paar Tropfen Öl im Benzin, sonst läuft der Motor heiß. Ist bei den alten Mopeds so.“ , entschuldige ich mich. Sie bleibt freundlich und ich finde ein paar höfliche Worte über ihre geleistete Motorradfahrer*innensolidarität. Sie gibt Gas, dreht auf die andere Straßenseite und beide winken mir noch mal aufmunternd zu. Ich stottere mit meinem Moped bis zur nächsten Tanke. Zwei Liter E5 pur, das wird den Vergaser durchspülen und der Motor wird es schon aushalten bis nach Hause. Als ich bezahlen will, liegen sich der Tankwart und die Tankwartin hinter der Würstchentheke in den Armen und strahlen sich an. „Wir haben uns gerade gesagt, dass wir unsere Arbeit lieben.“, sagt die Wartin und mir fällt nichts anderes ein als „Ich liebe ihre Arbeit auch.“, weil ich mich wirklich freue, kurz vor Mitternacht noch Benzin zu bekommen. „Dann liken sie uns doch auf K Circle Station Chausseestraße.“ „Werde ich ganz sicher tun.“, verabschiede ich mich. Draußen erwarten mich noch ein paar rasende Blaulichter in alle Richtungen, aber ich komme heil nach Hause. Es gibt noch Menschen, die einem Hoffnung machen in dieser wunderbaren Stadt.